Es ist der Moment, zu schreiben. Ich fletze auf einem Sessel vor dem Fenster. Zehnter Stock. Vor mir ist Westen, ein Park, eine vierspurige Straße. 18.10 Uhr. Die Sonne wird bald untergehen, verdeckt durch den Dunst. Von unten dringt Verkehrslärm herauf. Anna und Uli, beide sind sie weg, abgehoben und verschwunden – mit Shandong Airlines, mit All Nippon Airlines. Und seit langer Zeit bin ich zum ersten Mal wieder wirklich alleine. Ich fletze also auf meinem Sessel und es stellt sich heraus: Es ist schwer zu schreiben, wenn man zu selten schreibt. Dinge passieren, Gedanken kommen und gehen, doch die reine Menge macht so leicht keine Geschichte aus den Tagen, die hinter einem liegen.
Es wäre der Moment, zu schreiben, doch ich greife nur krampfhaft nach Einzelheiten, höre Supertramp, um die schlechte Coverversion gestern Abend in der Mayabar zu kompensieren, esse mein Frühstück für morgen und verschriftliche Banalitäten. Später werde ich wohl mein Notebook unter den Arm klemmen, rüber ins mexikanische Restaurant schlurfen und dies Dokument hier dort mit meinen fettigen Fingern in den Ether jagen. So ist das, wenn man ein Zwischenmieterdasein führt. Kein Netz? Kein Netz. Meine fünfte und hoffentlich letzte Wohnung in diesem Jahr in China.
Habe ich die Schnauze voll? Ne, so schnell geht das nicht. Aber vielleicht hat sich gerade mit dem anhaltenden Wandel Normalität eingestellt. Normalität und das Gefühl, dass es hier weiter gehen kann oder eben da. Normalität durch Wandel – liegt da nicht ein Widerspruch begraben?
Sagen wir es so: Wandel ist wichtig – fast so wichtig wie die Zeit, sich mit ihm zu beschäftigen. Und wenn alles funktioniert, dann beginnen sich die Facetten irgendwann zu ergänzen und man erahnt, dass es immer dieselbe Schildkröte bleibt, die vier Elefanten und auf ihren Rücken die Scheibenwelt durch die Unendlichkeit des Alls trägt. Das klingt schwer nach Terry Pratchett und nach Hybris. Letzterer will ich nicht erliegen und formuliere deshalb lieber um:
Bin nun also als Neuling meiner chinesischen Betreuerin blind ins Le Bang gefolgt, mit meinem schwachem Wortschatz meinen koreanischen MitstudentInnen hinterhergehinkt, mit großen Augen und einer 80er Jahre Kamera durch chinesische Wohngebiete gewandert, mit meinem Notizbuch auf Projektevaluierung nach Yunnan gefahren und als ‘Reiseführer’ mit meinen Eltern zum Sommerpalast, bin zeitweise von zwei chinesischen Stundenlöhnen pro Tag satt geworden und habe andermal Restaurantrechnungen über 50 produziert (und beglichen). Bin mit dem Handtuch zum Strand und im Businessoutfit zur Arbeit gelaufen, habe an Vokabellisten, an sinnlosen Blogeinträgen und an Papern für CDM-Projekte geschrieben; habe meine Zeit mit SchülerInnen, StudentInnen, ehemaligen Soldaten, LehrerInnen, UmweltwissenschaftlerInnen, Eskapisten und schwäbischen Ingenieuren verbracht; mit den typischen Expats und den typischen Chinesinnen, mit kompletten Ignoranten, Holocaustleugnern, Kunststudenten, herzensguten, intelligenten und interessanten Menschen und Leuten vieler Kategorien daneben und dazwischen. Und immer mit mir selbst. Ja, und oft mit dem Hund.
Und?
Und ich habe es nicht verstanden.
Ich habe nicht verstanden, wo es sein soll dieses fremde, andere, dieses die-gelben-Chinesen-China aus dem Spiegel (zugegeben, ich habe mir schon lange keinen Spiegel mehr angetan). So oder so, hier oder da, es ist und bleibt einfach dieselbe Schildkröte.
Heute war ich zum ersten Mal dieses Jahr im Teehaus (das disqualifiziert mich gemäß landläufiger Meinung wahrscheinlich bereits als Chinafahrer; aber weiter im Text). Es war ein schönes Teehaus auf einer Insel in einem kleinen See. Draußen fiel schwerer Regen, drinnen war es gemütlich. Es gab Bohnennudeln, tausendjährige Eier, wahlweise auch Entenkopf (längs halbiert) und angebrütete Eier in Tee gekocht – Hühnerföten extrazart. Dazu Trockenfisch, Kerne und Früchte aller Arten und viel Tee. Es wurde Karten gespielt. Ein Schwabe, ein Bayer, ein Badener und rund zehn ChinesInnen. Worauf will ich hinaus?
Ein chinesischer Manager fragt mich in fließendem Englisch, ob es stimme, dass die meisten Deutschen China nicht verstünden. Ich spreche von Angst und, ja, auch vom Spiegel. Später, ich habe gerade beim chinesischen Kartenspiel hochkant verloren, frage ich mich, wie es denn eigentlich um mich bestellt ist – kenne in Bezug auf China doch auch Angst und/oder Kopfschütteln. Aber geht mir das nicht Zuhause genauso?
Menschen funktionieren doch mittels Anreiz- und Erfahrungsmustern, und das überall und nicht nur bei Levitt & Dubner. Und gewinnt man einen Einblick in diese Mechanismen, dann kann man doch oftmals nachvollziehen, was passiert. Aber kann man sein Gegenüber, seinen Nebenmann, den Skinhead in der U-Bahn deshalb in der Mehrzahl der Fälle wirklich verstehen?
Ich lebe seit 23 Jahren in Deutschland. Und? Als Kind hat man Angst vor Fremden. Wenn man älter wird, erlebt man Fremdheit unter Gleichen auf einer mehr rationalen Ebene Und was kommt dabei heraus? Ich lebe im kleinen Deutschland unter mir fremden Menschen, auch wenn ich ihr Tun nachvollziehen kann. Soll das in China anders sein? Ist das nicht – traurige – globale Normalität? Ich denke schon. Und das Leben kann trotzdem schön sein.
Wozu in diesem Zusammenhang die Betonung der semikausalen, bald mythischen Fremdheit Chinas? Warum nicht einfach die Feststellung: Andere Anreize, andere Erfahrungen, andere Verhaltensmuster?
Auf der anderen Seite: wollen wir uns wirklich jedes Mal, wenn wir unser Halbwissen über dieses ferne Land ausbreiten, selbst vor Augen halten, wie wenig wir uns selbst im Kleinen (Deutschland) gegenseitig verstehen? Doch eher nicht; erst Recht wollen wir niemanden dafür bezahlen, dass er es für uns tut. Und gerade China ist schließlich in aller Munde und damit täglich Brot vieler Schreiber und -linge. Der Zusammenhang liegt nahe. Warum sollte ich da also noch länger drauf herumkauen? Sollte lieber mal zu Panchos gehen, sonst bin es nämlich am Ende ich, der mit leerem Magen ins Bett.
Mahlzeit.

August 14, 2008 um 9:41 |
schoener beitrag
August 26, 2008 um 11:42 |
immer wieder stelle ich fest, dass ich magnolien öfter hätte besuchen sollen.
freu mich schon auf baldige vis-à-vis gespräche!