zweiter versuch

Ich liege auf meinem Bett. Verquere Position ohne Kopfkissen, ohne Regung. Die Fenster sind offen. Draußen jagen sich große Fledermäuse während zehn Stockwerke tiefer der Verkehr dröhnt. Sirenen kommen und gehen, der Wasserwagen spielt “Bruder Jakob”, Lautsprecher an den Bussen warnen die Passanten: “Achtung! Ein Bus biegt ab. Achten Sie auf die Sicherheit!” sobald der Fahrer das Lenkrad einschlägt. Motoren aller Hubraumklassen heulen auf, Bremsen quietschen in allen Tonlagen von 14.000 Hz an aufwärts, Hupen. Alles kommt und geht und bleibt doch gleich wie das Meer und der Strand. Und ich bin voll und leer wie das Meer zugleich.

Im Bewusstsein dessen wartet man manchmal lange auf das Wissen warum. Und gelegentlich kommt der Schlaf zuerst, bei manchen soll es der Tod gewesen sein. Aber bitte.

Am Ende lauert immer ein Gedanke. Doch davor ziehen Bilder hoch. Menschen, unzählige Menschen auf breiten Straßen, auf Klapprädern, alten Dreschern mit 28 Zoll Reifen, Elektrorollern, zu Fuß; und alle strömen sie einem Ziel entgegen. 发大财 – großen Reichtum erwerben. Ist es das? Heim vor den Fernseher. Ist es das? Ein Verbrennungsmotor kommt maximal auf 40% Wirkungsgrad, ein GuD Turbinenkraftwerk auf über 60%. Auf was läuft der Mensch? Fleisch zum Frühstück?

Es gibt Fleisch zum Frühstück. Es gibt Geld zum Monatsende. Und? Chinesen in meinem Umfeld verdienen das dreifache Jahreseinkommen eines Bauern in Yunnan in nur einem Monat. Und? Und die Wohnungen kosten hier soviel wie in Stuttgart, sprich mehr als in Köln. Und? Kann man Relativität fühlen. Theoretisch?

Ich sehe Mittdreißiger, die allein leben und für Ihren Job; in einem fremden Land. Ich sehe Finanzmenschen in Frankfurt, die morgens um 4 Uhr im gmail-Chat online sind. Ich sehe Mittfünfziger, die viel versucht haben, im Sinne einer Wahrheit gehandelt haben, und deren Frust ob der Ergebnisse immer wieder hoch kommt. Und? Und ich sehe mich in einem blau-weiß gestreiften Hemd der Chinamarke Peaceboy in einem Büro sitzen. Das ist die Zukunft. Ist das die Zukunft? Und Fleisch zum Frühstück.

Eine verquere Position. Und dies ist ein hartes Bett. Was soll ich dagegen über mein Leben sagen? Keine Klagen von dieser Seite und an dieser Stelle. „That’s how life’s going“ hat mir gerade jemand gesagt. Und es steckt voller Überraschungen, dieses Leben: Wer Dir heute Erdnüsse verkauft, wäre morgen wahrscheinlich bereit, Dich als Teilnehmer eines Lynchmobs am nächsten Baum aufzuknüpfen. Die Ehre der Nation.

„Das ist eben nicht, wie das Leben läuft“ habe ich erwidert, die Finger hinterm Rücken verschränkt. Ein Ketzer, will jeder sein im Innern. Der freie Wille. Die Entscheidung. Von wegen Sklave des Systems! Ich mache meine eigenen Regeln. Ruhmreich? Oder ehrenhaft? Ich werde der Sklave meines eigenen Systems. Ich habe noch niemanden getroffen, der ohne auskommt. Maschinenwelt.

Die Phantasie, werdet Ihr einwerfen. Die Phantasie. Wozu braucht der Mensch die Phantasie in der Maschinenwelt? Der Mensch braucht Phantasie, gerade in der Maschinenwelt! Wie ein Auto ein Chassis. Und dieses Fernsehprogramm macht mich glücklich.

Depressiv klingt das, werdet Ihr sagen. Depressiv? Modelle sind dehnbar, aber nicht unbegrenzt. Phantasie ist dehnbar, ist Illusion, ist dehnbar, aber nicht unbegrenzt.

Wer zuviel nachdenkt, zerstört sein Glück. Den Fernseher ausmachen. Oder? Wer nachdenkt, zerstört höchstens die überdehnte Illusion seines gegenwärtigen Seins (sowie Finanzkonzepte, Projektabläufe, wissenschaftliche Dogmen und Beziehungen). Nach der Depression kommt die neue Illusion. Warum nicht auch mal die Sterblichkeit des Abstrakten?

Vielleicht so: Dauerhaft glücklich können nur die sein, die wirklich denken können oder überhaupt nicht (das hat M.M. aus M. schon früh erkannt). Dazwischen liegt ein Meer aus (Selbstmit)leid; und ich. Und ich bin leer und voll wie das Meer zugleich. Nun, das hatten wir ja schon erwähnt.

China macht wirr sagt Ihr? Vielleicht. Am Sonntag war es genau ein Jahr. Und morgen gibt es Fleisch zum Frühstück.

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